Digitalisierung – Industrie 4.0 – das Kompetenz-Dilemma

moderne Industrieanlage // High Tech Fabrication
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Digitalisierung – Industrie4.0 – Cyber physical systems alles Begriffe, die in jedem Medium an forderster Front aufpoppen. Die Unternehmen, technische Gesellschaften, Interessensvertretungen, die Politik – alle sprechen davon. Was da auf uns zukommt: Arbeitslosigkeit, vollständige Überwachung, gar meinen manche dass die Maschinen die Macht übernehmen. Und wir müssen was tun! Wir müssen die Menschen in Europa wachrütteln! Sonst verarmen wir, sonst gehen wir unter…

Nun ich sehe das mal pragmatischer und betrachte es aus der Praxis.

Unsere heutige Unternehmensorganisationen sind in Wissens- und Verantwortungsbereichen streng getrennt aufgebaut. Da gibt es Abteilungen die heißen Vertrieb, Technik, Einkauf, IT, Finanz, Qualität usw. Die Gliederung hat sich ergeben, um den Menschen eine klare Festlegung ihrer Aufgabe zu geben und sie danach auch zu messen, zu bewerten und zu bezahlen.  Man konnte Sie genau für diese Fachbereiche  schulen und die Politiker haben sogar unser Schulsystem in diese Fachbereiche aufgegliedert. Es gibt technische Schulen wie die HTL, die Handelsakademien usw. Das hat mehr oder weniger gut funktioniert und funktioniert grundsätzlich auch heute noch.

Doch seit einiger Zeit, eigentlich schon seit Jahren, zeigen sich Bilder des Unwohlseins in unserer überbordend, gelobten Leistungsgesellschaft und den „modernen“ Unternehmensstrukturen. Irgendwie ist das Gelernte immer zu wenig. Irgendwie ist alles so schwierig. Wir haben nur noch mit Problemen zu tun. Stress baut sich immer stärker auf und endet immer öfter in so unverständlichen Krankheitsbildern wie Burnout. Warum ist das so?

Ich erlebe es beinahe schon täglich bei meiner Arbeit als beratender Ingenieur. Es ist die Digitalisierung die unsere Arbeit verändert. Schleichend, wenn man nicht genau darauf achtet, ist es einem nicht einmal bewusst. Das passiert nicht erst seit jetzt, sondern bereits seit den 90er Jahren. Mit dem Internet, mit der Kommunikationsform Email hat sich schon viel verändert. Wir mussten das lernen und glauben auch damit umgehen zu können. Jetzt macht das ganze aber einen erneuten großen Schritt und wir müssen wieder lernen, lernen… Nur jetzt wird es viel schwieriger.

Nehmen wir mal als Beispiel eine Vertriebsabteilung. Bis heute war es wichtig den Kunden regelmässig zu kontaktieren, ihn zu besuchen. Man hat ihm die neuen Produkte vorgestellt, ihm erzählt was es sonste Neues gibt, einen Kaffee zusammen getrunken und über seine Befindlichkeiten gesprochen. Und der Kunde hat gekauft, weil der Preis passte, weil man sympathisch war, weil man das Produkt qualitativ hochwertig darstellen konnte – kurz, der Kunde hat uns vertraut.

Und heute?

Über ein Produkt wird er per Newsletter informiert. Er kann alle Informationen zum Produkt auf Webshop und Homepage finden und auch gleich bestellen.  Er kennt immer auch die Konkurrenzprodukte gut, weil er natürlich alle Informationen aus dem Internet hat. Er kennt auch den Preis der Konkurrenz. Er kennt die Schwachstellen und Stärken aus Produktbewertungen aus dem Internet und entscheidet danach. Meinen Besuch als Lieferant ist ihm lästig. Das braucht er nicht. Einladung zum Essen? Da ist gleich wieder das Thema „Bestechung“ im Raum. Ausserdem hat er dafür eh keine Zeit.





Was bleibt jetzt als klassische Vertriebsarbeit über? Natürlich gilt das nicht sofort und überall, aber der Trend in diese Richtung ist erkennbar.

Ich muss nicht weiter ausführen, dass der sich in diesem Fall Vertrieb komplett umstellen muss. Das bringt die Digitalisierung mit sich. Er muss seine Messgrößen aus den betriebenen Online-Plattformen ziehen und nicht direkt aus dem Gespräch mit dem Kunden. Und das braucht völlig anderes Wissen. Er muss die Technik und die Möglichkeiten mit digitalen Systemen verstehen. Er muss verstehen lernen, wie die Kunden mit digitalen Systemen arbeiten und das dann so aufbereiten, dass die internen Abteilungen die Systeme für den Kunden anpassen können. Da spricht man von Anforderungsengineering.  Er wird auch andere Werkzeuge (Software) brauchen, die er sich selbst suchen muss, denn wer sollte es sonst tun (Es weiss ja keiner was er braucht).Er muss mehr Projektmanager werden und muss sich um das kümmern, was nicht funktioniert. Er ist mehr Problemlöser als Vertriebsmann.  Alles anderen einfachen Arbeiten macht das digitale System, der Computer, die Maschine, das Internet. Kein „Kaufmann“ hat das je gelernt, noch begriffen, dass er sich damit auseinander setzen muss. Dieses neue Bild der digitalen Geschäftsprozesse braucht komplett andere Kompetenzen, als er selbst besitzt. Er wird komplett überfordert, er wird krank.

Ich selbst habe es da einfacher und das merke ich auch min meinem täglichen Kontakt mit den Mitarbeitern meiner Kunden. Ich war Produktenwickler in der Elektronik, Abteilungsleiter einer Entwicklungsabteilung und später Vertriebsingenenieur und heute bin ich selbständig und helfe technischen Unternehmen in Organisation und Produktentwicklung. Ich kann programmieren, ich kann Anforderungen schreiben, ich kann Projekte leiten, ich verstehe technische Systeme und kenne aber auch die kaufmännischen Belange aufgrund meiner Selbständigkeit und meiner Zeit als Abteilungsleiter sehr gut. Ich merke, dass ich in diesem Umfeld gut arbeiten kann, weil das schwierige immer meine Arbeit war. Ich kann damit umgehen, dass zu einem Zeitpunkt etwas Gedachtes nicht funktioniert und man einen anderen Weg gehen muss. Ich weiss, dass das Problem meine Arbeit darstellt und nicht das was eh funktioniert. Es stresst deshalb grundsätzlich nicht negativ. Ganz im Gegenteil, ich sehe das als meinen Job und leide eher an BurnOn ;-)!

Was ist nun zu tun.

Nun ich denke in erster Linie ist es wichtig das Bewusstsein zu schaffen, dass die Arbeit anders wird und, dass wir anders an Probleme herangehen müssen. Fachübergreifende Zusammenarbeit aber mit dazu fachübergreifendes Wissen wird der Schlüssel. Wir müssen den Mitarbeitern die digitalen Systeme näher bringen. Wir müssen sie lehren, wie sie Ihre Anforderungen selbst beschreiben können. Wir müssen beginnen ihnen Problemlösungskompetenzen zu vermitteln. Wir müssen sie lehren selbst und eigenständig zu lernen! Dann haben wir schon viel geschafft.

Unternehmen müssen die Ausbildung der  Mitarbeiter in den Mittelpunkt stellen. Das wird das Wichtigste sein, denn von den Schulen werden sie noch lange keine jungen, geeigneten Nachwuchskräfte für die neue digitale Welt bekommen. Sic müssen sich cie Mitarbeiter selbst ausbilden. Aber es gibt auch neue Denkweisen in der Schulbildungspolitik: In Freistadt gibt es eine HTL „Wirtschaftsingeneurswesen“. Das klingt nach einem Schritt in die richtige Richtung.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir nicht zu spät dran sind. Ich bin mir auch sicher, dass wir einen langen Weg vor uns haben, der aber auch spannend und erfüllend sein kann. Und ich bin mir auch sicher, dass nicht 40% der Arbeitplätze verschwinden werden, es werden nur andere Kompetenzen gefragt sein. Aber das war in den vergangenen 200 Jahren auch schon so. Wir müssen einfach nur strukturiert und mit Bedacht starten! Ich bin mir sicher, es wird eine schöne neue, digitale Welt.



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